Weiterbildung

Mitten im (Berufs-)Leben – und noch an richtiger Stelle?

Seit einem Jahr bietet viamia in den Zentralschweizer Kantonen Personen über 40 Jahren eine kostenlose berufliche Standortbestimmung. Wir haben mit drei Teilnehmerinnen gesprochen und uns mit ihnen über Motivation, Ziel und Ergebnis der viamia-Beratung unterhalten.

Text: Irene Reis / Bilder: Christoph Arnet
Erschienen im Zebi Magazin 2022, 29.10.2022


Barbara Reichmuth, 41 Jahre, Eschenbach LU

Bereit für den Wiedereinstieg

Barbara Reichmuth blickt mit ihren 41 Jahren bereits auf ein vielseitiges Berufsleben zurück. Begonnen hat dieses mit der Tourismusschule in Österreich, wo sie geboren und aufgewachsen ist. Danach führte ihr Weg sie über eine Event- und Sponsoringagentur, eine Stelle als Assistentin der Vertriebsdirektion im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie sowie schliesslich der Liebe wegen in die Schweiz. Auch hier blieb sie ihrem Beruf als Direktionsassistentin treu, zunächst in Solothurn in der Verpackungs- und danach in Luzern in der Pharmaindustrie, wo sie sechs Jahre lang arbeitete. Barbara Reichmuth blickt mit Freude auf ihre verschiedenen Stellen zurück: «Jede Station hatte auf ihre Weise etwas sehr Spannendes: Mal durfte ich im Eventbereich kreative Projekte realisieren, mal waren Zahlen und Daten im IT-Bereich mein Alltag.»

2014 wurde sie Mutter. Und obwohl für Barbara Teilzeitarbeit immer eine Option war, blieb diese aus: «Es gab immer wieder andere Projekte. Nebst der Kinderbetreuung sowie privaten Engagements vor allem zwei grosse private Umbauprojekte, eines davon in Österreich», erklärt sie.

Im Sommer 2021 kam der Entschluss: Jetzt ist das Projekt Berufswiedereinstieg an der Reihe. Schnell fand sie den Lehrgang zur Direktionsassistentin mit eidg. Fachausweis am KV Luzern – denn an ihrer Berufung wollte sie nichts ändern. Gerade hat sie das zweite von vier Semestern abgeschlossen.

Doch für Barbara fehlte noch ein Puzzleteil für den Wiedereinstieg ins Berufsleben: die letzte Überzeugung, eine Aussensicht, ein guter Zuspruch, eine Standortbestimmung. «Ich hatte mich auf ein paar Stellen beworben, aber irgendwie immer das Gefühl, nicht genau zu wissen, woran ich bin», erklärt sie. Durch eine Bekannte erfuhr sie von viamia – und das letzte Puzzleteil war gefunden. «In der Beratung am BIZ Luzern konnte ich nicht nur meinen Lebenslauf und mein Ziel diskutieren, sondern  erhielt endlich das ersehnte Feedback. Heute weiss ich, wo ich stehe, wie ich mein Ziel erreichen kann und dass ich attraktiv bin für den Arbeitsmarkt», sagt die 41-Jährige.

Und nun? Barbara will ihren Fokus im nächsten Jahr auf den Abschluss ihrer Weiterbildung legen und das zweite Hausumbauprojekt abschliessen. Und dann ist sie – nicht zuletzt durch viamia –bereit für die Stellensuche für ihren Traumberuf.


Gabriela Zberg, 54 Jahre, Schattdorf UR

Für die letzten Berufsjahre einen Wechsel wagen?

Gabriela Zberg entwickelte früh in ihrem Berufsleben den Wunsch, Sozialarbeiterin zu werden. Die Ausbildung machte sie zwar nicht, kam durch ihre Tätigkeiten aber sehr nahe an diesen Wunschberuf heran. Sie sagt schmunzelnd: «Es braucht auch ‹soziale Arbeiterinnen› .»

Nach der kaufmännischen Grundausbildung und einer Verwaltungsschule arbeitete sie während zehn Jahren auf der Gemeindekanzlei Silenen als stellvertretende Gemeindeschreiberin und Zivilstandsbeamtin, führte sieben Jahre das Sekretariat von Blauring und Jungwacht Uri-Schwyz und wurde schliesslich Sachbearbeiterin bei der früheren Amtsvormundschaft Uri und der heutigen Berufsbeistandschaft Uri, wo sie insgesamt 15 Jahre arbeitete.

Daneben war für die dreifache Mutter ihre Familie das Wichtigste. Auch ist sie ausgebildete Haushaltsleiterin und bildete in ihrem privaten Haushalt Lernende aus. «Gemeinsam mit meinem Mann und viel Organisation gelang es uns, eine Balance zwischen Beruf, Haushalt und Familie zu schaffen», blickt sie mit grosser Freude zurück.

Doch: «Plötzlich war ich 54 Jahre alt und fand mich in einem goldenen Käfig wieder», erklärt Gabriela Zberg. ihr der Beruf, das Team und der Arbeitsort nach wie vor entsprachen, fühlte sie sich im Alltagstrott gefangen. Immer stärker haderte sie mit sich und stellte sich die Frage, wieso sie nicht vor fünf oder zehn Jahren eine berufliche Veränderung angestrebt hatte. Sie führte unzählige Gespräche mit Freundinnen, Familie, Kollegen und wurde rundum motiviert, die Arbeitsstelle zu wechseln, schaffte es aber irgendwie nicht. Obwohl sie erst 54 Jahre alt ist, schwang die Frage mit, ob zehn Jahre vor der Pension eine Veränderung überhaupt noch eine Option sei.

Sie las von viamia und erhielt beim BIZ Kanton Uri eine klare Antwort: Sicher ist eine Veränderung eine Option. «Die Überzeugung in dieser Antwort gab mir neues Selbstvertrauen.» Gabriela beschäftigte sich in der Beratung viel mit ihrem Weg, reflektierte, machte Tests, die analysiert und besprochen wurden. Schon während der Beratung fand sie zwei neue – sehr verschiedene – Stellen, mit welchen sie sich heute wieder vollkommen identifizieren kann. Sie startete diesen Sommer im Pfarreisekretariat in Altdorf. «Es macht mir Freude, als Anlaufstelle innerhalb des Teams und zwischen den Seelsorgenden und der Bevölkerung zu agieren.» Doch auch ihre zweite Leidenschaft, die Hauswirtschaft, kann sie ausleben. Als Springerin hilft sie in der neu gegründeten Berglodge37 auf den Eggbergen, oberhalb Altdorf, aus. Heute sagt sie mit Überzeugung und Begeisterung: «Den goldenen Käfig konnte ich verlassen. Ich kann absolut jedem raten, für diesen Schritt mit einer Fachperson zusammenzuarbeiten.»


Esther Hirt, 46 Jahre, Küssnacht SZ

Vom Büro auf den Bauernhof

Esther Hirt war während mehr als zwölf Jahren als Projektassistentin im Innendienst sowie im Aussendienst für einen Arbeitsbekleidungsbetrieb sowie jüngst eineinhalb Jahre als Sachbearbeiterin Administration und Empfang bei einem Unternehmen in der Lebensmittelveredelung tätig, als sie über die Frage stolperte: Was würde ich beruflich machen, wenn ich frei wählen könnte? «Ich konnte diese Frage einfach nicht beantworten», sagt sie. Sie sei jahrelang in verschiedenen Bürotätigkeiten engagiert gewesen und es habe sich «okay» angefühlt. Doch «okay» habe ihr nicht mehr gereicht – die Idee einer Laufbahnberatung war geboren. «Ich hatte aber auch Respekt davor, was wohl damit auf mich zukommt, sodass ich es nie richtig anging.» Bis sie durch ihren Lebenspartner von viamia erfuhr. Sie meldete sich für eine Beratung im BIZ Kanton Schwyz an.

«Schon nach dem ersten Gespräch war ich begeistert. Es tat mir gut, mit einer kompetenten Fachperson einen Austausch zu haben.» Sie setzte sich gemeinsam mit ihrem Berater richtiggehend mit ihrem Berufsleben auseinander. Sie fühlte sich ernst genommen, erfuhr eine Beratung auf Augenhöhe, konnte ihren Tunnelblick öffnen.

Das Resultat: Esther schlug einen ganz neuen Weg ein. Sie aktivierte ihr berufliches Netzwerk und erhielt gleich drei Jobangebote. Nun ist sie stellvertretende Geschäftsführerin im Gehren in Merlischachen, einem Gastro- und Event-Bauernhof. «Wir sind ein kleiner Betrieb und sehr regional und nachhaltig, was für mich eine Herzensangelegenheit ist.» Der Job beinhalte verschiedene Tätigkeiten, welche absolut zu ihr passen: Gästebetreuung, Organisation von Events, Büroarbeiten und zwischendurch auch Service. Auch wenn sie zunächst noch in der Branche Fuss fassen und Abläufe festigen müsse, sagt sie glücklich: «Es ist mein Traumberuf – und mehr als okay.»

viamia

viamia ist eine Initiative von Bund und Kantonen und bietet Personen über 40 Jahren eine kostenlose berufliche Standortbestimmung. In einer persönlichen Beratung werden die berufliche Situation analysiert, Bedürfnisse und Ziele werden definiert. So können die Chancen für die berufliche Weiterentwicklung erfasst und weiterverfolgt werden. Ziel von viamia ist es, die Berufschancen von erfahrenen Arbeitskräften zu erhöhen und aktuelle, branchenspezifische Trends im Arbeitsmarkt zu berücksichtigen.

Von allen Personen, die seit dem Start im Kanton Luzern an einer viamia-Beratung teilgenommen haben, waren rund zwei Drittel Frauen und ein Drittel Männer, wie es bei der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung Kanton Luzern heisst. Die Mehrheit der Teilnehmenden sei zwischen 40 und 50 Jahre alt, das Angebot werde aber auch von über 50-Jährigen genutzt. Eine gleichmässige Verteilung zeigt sich vor allem bei der Ausbildung: Vom Arbeitnehmer ohne Grundbildung bis zur Hochschulabsolventin sind alle Bildungsniveaus in der viamia-Beratung vertreten. 

Weitere Informationen zu viamia gibt es bei den Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungen des jeweiligen Kantons oder unter viamia.ch.

(Quelle: Dienststelle Berufs- und Weiterbildung, Kanton Luzern)

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