Zur Berufsbildnerin berufen

Rita Ballat ist Berufsbildnerin aus Leidenschaft. Sie begleitet Lernende im Gastgewerbe durch die Herausforderungen der Ausbildung und vermittelt berufliches Fachwissen. Im Porträt erzählt die gebürtige Bündnerin, warum sie bei ihren Lernenden viel mehr als nur Ausbildnerin ist.

Unterstützt die Lernenden während der Ausbildung und zeigt, wie es in der Praxis läuft: Rita Ballat (hinten rechts)
 

Auf dem schmalen Balkon des Restaurants Pfistern sitzt Rita Ballat, Berufsbildnerin bei der Remimag AG, und geniesst einen Cappuccino. Unten auf dem Rathaussteg versuchen Touristen die Luzerner Postkartenidylle mit ihren Smartphones festzuhalten. «Eigentlich wollte ich nur für eine Saison in Luzern bleiben, aber es gefällt mir hier einfach zu gut», erzählt die 36-jährige Bündnerin. Vor allem das Restaurant Pfistern mit seiner internationalen Klientel hat es ihr angetan; hier kann sie ihr breites Fremdsprachenwissen nutzen. Nach ihrer Ausbildung zur Gastronomie- und Restaurationsfachfrau in Graubünden zog es sie für mehrere Jahre ins Ausland. Sie baute ihre Sprachkenntnisse aus, lernte Leute und Kulturen kennen: «Mit einer Schweizer Ausbildung im Gastgewerbe findet man überall einen Job. Genau deshalb habe ich mich für diese Branche entschieden.» Ihre Lehr- und Wanderjahre führten sie nach Kanada, Mexiko und in die Dominikanische Republik. Zurück in der Schweiz kam Rita Ballat nach Luzern. Sie arbeitete in verschiedensten Restaurants der Remimag Gruppe, besuchte Weiterbildungen und stieg von der Servicemitarbeiterin bis zur Geschäftsführerin auf. Heute ist Rita Ballat Mutter, arbeitet Teilzeit im Restaurant Pfistern und fokussiert sich auf das, was sie beruflich am meisten interessiert: die Lehrlingsausbildung.
 

Initialzündung durch Schnupperstiftin
Verantwortung für die Lehrlinge hat sie zum ersten Mal als Geschäftsführerin im Restaurant Centro übernommen. Die Idee, diese Aufgabe wahrzunehmen, kam von einer Schnupperstiftin, die unbedingt bei ihr in die Lehre wollte: «Ich sagte ihr, ich dürfe keine Lehrlinge ausbilden, weil ich den Kurs noch nicht hatte. Ich habe ihn dann aber für sie gemacht und so bin ich reingerutscht.» Im mehrtägigen Kurs zur Berufsbildnerin holte sie sich das Rüstzeug für die Ausbildung und den Umgang mit Lernenden: «Man lernt, Verständnis für Jugendliche zu haben, wie man mit Menschen umgeht und wie man Konflikte löst.»
 

Ziele definieren und besprechen
Als Berufsbildnerin muss Rita Ballat den Lernenden das Handwerk vermitteln: «Die Theorie kommt von der Schule, und wir zeigen ihnen, wie es in der Praxis läuft.» Für die Lerninhalte orientiert man sich am Bildungsplan, der aufzeigt, was in der dreijährigen Lehre erreicht werden muss. Dabei sei es wichtig, zusammen mit den Lernenden klare Ziele zu definieren und diese regelmässig zu besprechen: «Nur so sehen sie, wohin es geht.»
Als Rita Ballat noch Geschäftsführerin des Restaurants Pfistern war, hat sie – zusammen mit den Kolleginnen Sandra Mathis und Katharina Keusch – Kurse für die Lehrlinge der gesamten Geschäftsgruppe initiiert. Den Auszubildenden werden Inhalte vermittelt, die im normalen Restaurantbetrieb zu kurz kommen könnten: Servietten falten, Cocktails mixen oder Weinkunde. Diese Kurse erfreuen sich bei den Lernenden immer noch grosser Beliebtheit – nicht nur, weil sie Neues lernen und es eine gute Vorbereitung für die schulischen Prüfungen darstellt, sondern auch, weil es eine kurze Auszeit vom Alltag ist.


 «Es ist schön, wenn man merkt, dass sie auf einen hören und dass ihnen meine Meinung wichtig ist.»

Rita Ballat


Psychologin, Mutter und Lehrerin
Berufsbildende sind die Ansprechperson, wenn Lehrlinge Fragen zur Ausbildung haben: «Man trägt daher auch eine grosse Verantwortung. Bei den Lehrlingen muss es nicht nur im Betrieb funktionieren, sondern auch in der Ausbildung und in der Schule.» Rita Ballat nennt das die Gotti-Funktion: «Man darf sie mitnehmen und durch die Zeit begleiten.» Dabei müsse man eigentlich Psychologin, Mutter und Lehrerin gleichzeitig sein. Vor allem die ersten Monate in der Lehre können für die Jugendlichen eine Herausforderung sein. Dann ist die Unterstützung der Berufsbildnerin gefragt: «Wenn sich der Lehrling daran gewöhnen muss, dass er am Wochenende arbeitet und seinen Hobbys nicht mehr nachgehen kann, dann kann das schon ein Schock sein.» Zudem muss die Beziehung zwischen den Lernenden und den Ausbildenden erst aufgebaut werden: «Man muss sich Zeit geben, um einander kennenzulernen und die Regeln zu definieren. Bis alles mal läuft, kann es schon zäh sein.»
 

«Das Wichtigste ist, die Jugendlichen ernst zu nehmen»
Während der Lehre gilt es dann, die Lehrlinge immer wieder zu motivieren. Das gelinge am besten, wenn man die Jugendlichen gut kenne, sich für ihre Anliegen interessiere und sie ernst nehme. Mit diesem Ansatz könne man den Lernenden in schwierigen Tagen beiseite stehen. Auch wenn die Lehrlinge im Laufe der Ausbildung in eine Sinnkrise geraten, sei es wichtig, ihnen Perspektiven aufzuzeigen: «Wenn du die Lehre machst, heisst das nicht, dass du dein ganzes Leben lang dasselbe machen musst. Du hast jetzt gerade keine Lust, aber mit dieser Grundlage kannst du in der Gastronomie in ganz viele Richtungen gehen.»
 

Verbundenheit durch Hektik
Eine weitere Herausforderung kann auch die fehlende Identifikation der Lernenden mit dem Betrieb und dem Beruf darstellen. Gemäss Rita Ballat ist dies aber im Gastgewerbe weniger ein Problem, da sich die teilweise langen und hektischen Tage positiv auf das Personal auswirken: «Wenn man als Team an einem Samstagabend zusammen im Seich ist, dann schweisst das zusammen. Man muss zusammenarbeiten und gehört zur Familie. So identifiziert man sich mit dem Job, dem Betrieb und fühlt sich aufgehoben.» Auch das gemeinsame Zusammensitzen am Feierabend lässt die Jugendlichen Zugehörigkeit verspüren: «Am Stammtisch lässt man den Tag Revue passieren, jeder erzählt seine Geschichte. Mit den internationalen Gästen gibt es immer etwas zu berichten.»
Gefragt nach den besonderen Momenten, die sie bei der Arbeit mit Jugendlichen erlebt, nennt Rita Ballat die Diplomfeier der Lehrlinge. Dort treffe sie auf deren Familien und merke, dass sie eine wichtige Person im Leben ihrer Schützlinge war, «auch wenn mir das im Alltag gar nicht so bewusst war». Das Feedback, das sie von den Lernenden während der Ausbildung erhält, ist für sie ebenfalls eine Genugtuung: «Es ist schön, wenn man merkt, dass sie auf einen hören und dass ihnen meine Meinung wichtig ist. Wenn das funktioniert, ohne dass man ‹die Chefin› sein muss, ist das besonders schön.»
 

Die Zukunft der schweizerischen Gastronomie
Rita Ballat schreibt der Bedeutung von Lernenden und Berufsbildnern eine hohe Bedeutung zu: «Es ist eine wichtige Aufgabe, weil es die Zukunft unserer Gastronomie ist. Ohne gute Lehrlinge, die eine fundierte Ausbildung absolvieren, geht das Grundwissen verloren.» Die Remimag AG scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Denn nebst engagierten Berufsbildnern muss der Betrieb die Möglichkeiten und Ressourcen bieten, um eine gute Ausbildung zu ermöglichen: «Die Basis muss die Firma legen. Sie muss die Berufsausbildung ernst nehmen und sich engagieren.»
Rita Ballat freut sich auf die kommenden Lehrlingskurse, die sie im Oktober und November durchführen wird. Im nächsten Jahr beginnt sie eine Weiterbildung für Erwachsenenbildung. Nach dem Gespräch eilt sie zu ihrem jungen Sohn, der mit seinem Gotti spazieren war. Nebst dem, dass sie immer noch die Welt bereist, lernt sie jetzt auch alle Spielplätze der Schweiz kennen.


Text: Silvan Wicki / Bild: Christoph Arnet

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