Das Internet wird demokratisiert

Man kommt kaum mehr an ihr vorbei: die Blockchain. Alle reden davon, aber nur wenige verstehen, was es eigentlich ist. Bloss ein Hype oder tatsächlich die so oft angepriesene Technologie der Zukunft? Der Blockchain-Experte Patrick Köchli zeigt, wo die Technologie aktuell steht und warum es sich lohnt, sich für dieses Thema fit zu machen.

Patrick Köchli bietet Ausbildungen und Kurse zu den Themen Blockchain und Krypotwährungen an.
 

Herr Köchli, Sie haben sich selbstständig gemacht, um Ausbildungen und Kurse zum Thema «Blockchain» anzubieten. Weshalb?
Ich studierte «Banking and Finance» an der Hochschule Luzern und schrieb meine Masterarbeit über Blockchain. Anschliessend arbeitete ich bei der Schweizer Kryptobörse Lykke Corp. Dabei musste ich feststellen, dass viel Halbwissen kursiert. Man hat zwar schon von Blockchain gehört, aber die Thematik ist geprägt von Unklarheit und Unsicherheit. Mit den Ausbildungen und Kursen für Unternehmen und Privatpersonen möchte ich den komplexen Sachverhalt vereinfachen und Aufklärungsarbeit leisten.
 
Wie erklären Sie also Blockchain in wenigen Sätzen?
Einfach gesagt: Eine Blockchain ist ein Register, das vermerkt, wem was gehört. Dies funktioniert durch Aneinanderreihung von digitalen Informationen, die auf verschiedenen Rechnern gleichzeitig gespeichert werden. Damit entstehen unzählige dezentrale Kopien dieser Datenketten. Entsprechend können Informationen innerhalb einer Blockchain nicht verändert werden. Deshalb ist diese neue Art einer Datenbank so sicher gegen Korruption und Manipulation. Zudem haben die Personen, die Daten in einer Blockchain speichern, direkten Zugriff darauf. Eine Blockchain ist also eine neutrale und demokratische Datenbank. Eine erste Anwendung von Blockchain ist die digitale Währung Bitcoin. Die neuartige Technologie findet aber zahlreiche weitere Einsatzmöglichkeiten (siehe Details im Kasten).
 
Weshalb entstand vor zwei Jahren ein solcher Hype um Blockchain?
Der Hauptgrund war wohl der steile Kursanstieg von verschiedenen Kryptowährungen wie zum Beispiel Bitcoin. Mit dem Kursabsturz im Jahr 2018 hat sich dieses oberflächliche Interesse etwas reduziert und die Anhänger fokussieren sich wieder mehr auf die fundamentalen Faktoren. In diesem Sinne bin froh, dass der Einbruch kam und sich die Technologie nun auf einem guten und stabilen Niveau hält. Nur so kann sie sich qualitativ weiterentwickeln. Es passiert momentan ganz viel und Blockchains entwickeln sich rasant schnell. Ich bin überzeugt, dass wir in fünf bis zehn Jahren alle in irgendeiner Form davon betroffen sein werden.
 
Wir dürfen also von einem Mega-Trend sprechen?
Absolut. Blockchain wird unseren Alltag revolutionieren. Unser Leben gestaltet sich bereits heute stark über das Internet. Bisher konnte man darüber aber nur Informationen austauschen. Mit Blockchain wird es möglich, «Wertgegenstände» über das Internet auszutauschen. Das bedeutet, dass wirklich alles, was einen Wert besitzt, künftig über das Internet transferiert werden kann. Dies, weil es in einer Blockchain sicher und transparent gespeichert wird. Selbstverständlich sind auf dem Weg dorthin noch viele Herausforderungen zu meistern. Aber es entstehen zunehmend neue Geschäftsmodelle, die genau in diese Richtung gehen.
 
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Krankenkassen dienen sehr gut als Beispiel, weil sie sich mit vielen unterschiedlichen Akteuren wie Patientinnen und Patienten, medizinischen Fachpersonen oder Arzneimittelherstellern koordinieren müssen. Mit der Blockchain-Technologie können Krankenkassenwechsel einfacher gestaltet oder sichere elektronische Patientendossiers angelegt werden. Krankengeschichten, Behandlungen, Diagnosen, aber auch Bonusprogramme werden dezentral gespeichert und nur die Patientinnen und Patienten entscheiden, welche Daten mit wem geteilt werden sollen. Die Krankenkassen hätten somit einen leichteren Zugriff auf gesundheitsrelevante Daten ihrer Versicherten und könnten Krankenfälle schneller und zuverlässiger verarbeiten.
 
Und warum wurde dies noch nicht umgesetzt?
Es bedingt, dass wir uns von konventionellen Denkweisen verabschieden. Daten sind Geld und Macht. Mit einer Blockchain würde sich das radikal ändern. Die Daten in der Blockchain würden nicht mehr einer bestimmten Krankenkasse, sondern den Versicherten gehören. Gerade aufgrund dieser «Demokratisierung» sind viele Unternehmen noch zurückhaltend. Zudem sind Blockchain-Lösungen in den allermeisten Fällen Plattformlösungen wie zum Beispiel Uber, Facebook oder Airbnb. Solche Plattformen können ihr volles Potenzial erst dann ausschöpfen, wenn sie von möglichst vielen Personen benutzt werden. Das bedeutet, dass sich der Nutzen von Blockchain zum heutigen Zeitpunkt noch in Grenzen hält und sich erst mit zunehmender Nutzerzahl auszahlt.
 
Sie haben die «Demokratisierung des Internets» angesprochen. Blockchain stellt für bestehende Märkte also eine Herausforderung dar?
Unternehmen sind gefordert, mögliche Gefahren zu analysieren und Risiken zu minimieren. Mit einer Blockchain entsteht eine einheitliche Informationsbasis und die Nutzer erhalten die Hoheit über ihre Daten zurück. Damit wird die Funktion bestehender Vermittler von Daten wie Banken, Börsen oder Versicherungsgesellschaften bedroht. Entsprechend müssen diese Branchen ihre Geschäftsmodelle hinterfragen und strategische Schritte einleiten, um in Zukunft nicht obsolet zu werden.
Viel Potenzial bietet Blockchain für Start-ups, da diese noch keine etablierten Prozesse aufweisen und deshalb mit Blockchain von Grund auf neue Geschäftsmodelle entwickeln können. Anders gesagt: Sie sind nicht in bestehenden Modellen gefangen.
 
Was empfehlen Sie Unternehmen zum aktuellen Zeitpunkt?
Blockchain steht an einer wichtigen Weggabelung. Deshalb müssen sich Unternehmen jetzt mit der Technologie auseinandersetzen und dürfen nicht warten, bis alle Blockchain einsetzen. Einen solchen Rückstand wird man nie mehr aufholen. Man muss die Technologie nicht vollumfänglich verstehen und alle Details wissen, denn dafür gibt es Partner. Ich empfehle jedoch, sich ein solides Basiswissen anzueignen – also zu verstehen, wie eine Blockchain funktioniert, was sie so einzigartig macht und wie sie sich von anderen Lösungen unterscheidet.
 
Was beeindruckt Sie an der Blockchain-Bewegung?
Es sind zwei Aspekte. Einerseits ist die Blockchain-Bewegung sehr ideologisch. Vielen Experten, die an dieser Technologie arbeiten, geht es einzig um ihre Überzeugungen für eine bessere, gerechtere und dezentralere Welt. Einige haben bewusst auf Millionen oder sogar Milliarden verzichtet, um die Technologie vorwärtszubringen. Anderseits ist Blockchain ein extrem vielschichtiges Thema. Es tangiert die meisten Bereiche unserer Gesellschaft. Wenn wir also über Blockchain sprechen, müssen wir auch wirtschaftliche, gesellschaftliche oder ethische Aspekte berücksichtigen. Das macht es unglaublich spannend.


Interview: Daniela Imsand / Bild: zVg

EINMAL KONKRET, BITTE!

Blockchain ist eine neue Art einer Datenbank, die auf Dezentralisierung setzt. «Block» steht für virtuelle Datencontainer, die in einer Kette – «Chain» – chronologisch aneinandergereiht werden. Die einzelnen Blocks sind innerhalb der Kette weder verrück- noch veränderbar. Was einmal abgespeichert wurde, kann nicht geändert werden. Dies, weil jede Datenkette auf einer Vielzahl von Rechnern lokal abgespeichert wird, die sich gegenseitig überwachen. Somit sind lokale Veränderungen unmöglich. Ein neuer Block muss auf jedem dezentralen Rechner akzeptiert werden. Somit ist die Blockchain ein lückenloses, transparentes und sicheres System. Die Kryptowährung Bitcoin ist eine erste Anwendung einer Blockchain.

Blockchain in 3 Minuten erklärt

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