Brückenbauerin zwischen Kulturen

Als interkulturelle Vermittlerin trägt Ashti Hama-Amin massgeblich dazu bei, Chancengerechtigkeit zu ermöglichen. Ein Einblick in eine vielseitige und anspruchsvolle Arbeit, bei welcher der Mensch im Zentrum steht.

31.10.2020, Text: Daniela Imsand / Bild: Christoph Arnet

Als interkulturelle Vermittlerin hilft Ashti Hama-Amin sprach-liche Barrieren und kulturelle Grenzen zu überwinden: «Wir können fast immer zu Lösungen verhelfen, die jedoch jedes Mal anders aussehen. Denn jeder Mensch ist anders.»

 

Am Morgen früh zu einem Kaiserschnitt, vier Stunden später zum Gericht, anschliessend zu einem Integrationsgespräch und am Abend an einen Elternabend: Wer kann von sich behaupten, dass seine Arbeitstage so vielseitig sind? Ashti Hama-Amin kann das – als interkulturelle Dolmetscherin und Vermittlerin.

Beraten, begleiten und moderieren
Als interkulturelle Vermittlerin ist Ashti Hama-Amin dann gefragt, wenn das reine Übersetzen, also das Dolmetschen, nicht ausreicht. Ihre Aufgabe ist es, nicht nur sinngemäss und verständnisorientiert zu übersetzen, sondern auch auf die verschiedenen Lebenswelten der fremdsprachigen Menschen mit Migrationshintergrund einzugehen. In Gesprächen nimmt sie eine aktive Rolle ein, zeigt kulturelle Hintergründe auf, klärt Missverständnisse und bietet Lösungsansätze. Somit verfügt Ashti neben sprachlichen Qualifikationen auch über fundierte Kenntnisse im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich.

Bildung als positives Arbeitsfeld
«Durch meine Arbeit bin ich praktisch mit allen Lebensbereichen konfrontiert, was äusserst spannend und auch für mich sehr lehrreich ist», sagt die gebürtige Kurdin. Ashti spricht sechs Sprachen sowie etliche Dialekte fliessend. Besonders ihre Kenntnisse in Farsi und Kurdisch machen sie zu einer gefragten Person in der Zentralschweiz. Sie ist täglich unterwegs: in Spitälern und Psychiatrien, in Schulen und Heilstätten, in Asylzentren, im Gericht oder auf dem Standesamt. Obwohl sie diese Abwechslung schätzt, ist sie am liebsten im Bildungsbereich tätig: «Die Bildung ist ein sehr positives Gebiet. Selten erlebe ich Gespräche, die direkt mit einem Kriegs- oder Fluchttrauma zusammenhängen.» Vielmehr könne sie sich über Fortschritte der Jugendlichen und Eltern freuen oder aktiv einen Schritt dazu beitragen. Ashti fügt an: «Sehr viele sind motiviert, etwas zu leisten oder sich in den Arbeitsprozess einzubringen.»

Druck der Eltern als Herausforderung
Seit 2002 ist Ashti im Bildungswesen tätig. Sie übersetzt und vermittelt bei Elterngesprächen oder -abenden, bei Standortbestimmungen oder Fördermassnahmen, in der Logopädie und Psychomotorik oder bei allgemeinen Problemen und Verständnisschwierigkeiten. Inzwischen kennt sie die Herausforderungen und Missverständnisse: «Die Einstufung der Kinder ist das Hauptthema», sagt sie. Tagtäglich sei sie damit konfrontiert, dass Eltern Druck machen und ihre Kinder zu etwas drängen. Ashti präzisiert: «Gerade für Personen aus Syrien, dem Irak oder Iran ist eine hohe Bildung wichtig. Doch aufgrund der Kriege wurde das vielen verwehrt. Hier in der Schweiz eröffnet sich ihren Kindern diese Chance, und so sehen viele Eltern ihre Tochter oder ihren Sohn im Gymnasium oder an der Uni.» Oftmals sei dies für die Kinder aber eine Überforderung, weil zum Beispiel noch sprachliche Schwierigkeiten vorhanden sind, erzählt Ashti weiter. Genau in solchen Situationen kann sie helfen. Im Gespräch erläutert sie, warum Druck ausgeübt wird und wo es Missverständnisse gibt. «Oft genügt es, wenn die Lehrperson nochmals das Bildungssystem erklärt», sagt Ashti und ergänzt, «dass beispielsweise nach einer Lehre mit Berufsmatura noch studiert werden kann, ist selbstverständlich vielen nicht klar.»


«Man muss sich hohe Ziele  setzen, aber sie sollen realistisch sein.»

Ashti Hama-Amin, interkulturelle Vermittlerin


Der Mensch steht im Zentrum
Dass Ashti jahrelange Erfahrung im Dolmetschen und besonders im interkulturellen Vermitteln hat, merkt man im Gespräch mit ihr sehr schnell. Sie ist eine sehr gute und geduldige Zuhörerin, spricht klar und bedacht. «Das Wichtigste für mich ist der Respekt gegenüber jedem Menschen», betont sie. Nebst einer genauen Arbeitsweise und einer langen Konzentrationsfähigkeit müssen interkulturelle Vermittelnde eine hohe Sozialkompetenz und viel Einfühlungsvermögen haben. Dies sei aber auch ein Balanceakt, wie Ashti sagt: «Ich muss mich bei meiner Arbeit abgrenzen. Ich darf mich nicht zu stark hineingeben und eine Beziehung zu den Personen aufbauen.» Denn gerade im Rechts- oder Asylwesen wird Ashti mit schwerwiegenden und traumatisierenden Kriegsgeschichten konfrontiert.

Luzern als Schicksal
Neutral zu bleiben war für Ashti zu Beginn ihrer Arbeit sehr schwierig. Sie hat am eigenen Leib erfahren, was eine Flucht aus einem Kriegsgebiet bedeutet. Im März 1988 war ihre Heimatstadt Halabdscha Schauplatz eines Giftgasangriffs. Die damals 28-jährige Ashti überlebte die tagelange Flucht in den Iran. Mit dem Ziel, nach Schweden zu gelangen, floh Ashti zusammen mit ihrem heutigen Mann über die Türkei nach Griechenland und kam 1998 in die Schweiz. Nach zehn Tagen im Asylzentrum Chiasso wurde sie nach Luzern verlegt. «Es war ganz schrecklich. Alles war fremd hier», erinnert sie sich, «aber ich hatte keine Kraft mehr, um weiterzugehen.» Sie entschieden sich, in der Innerschweiz zu bleiben. Um rasch Anschluss zu finden, ging Ashti in Vereine, nahm an diversen Programmen teil und lernte schnell Deutsch. Über eine Kollegin erfuhr sie vom Beruf der Dolmetscherin und war begeistert. Sie erklärt: «Als ich in die Schweiz kam, gab es niemanden, der mir half. Die Sprache und das kulturelle Verständnis schienen mir eine unüberwindbare Hürde. Deshalb war für mich klar: Wenn ich Dolmetscherin werde, dann kann ich helfen. Und ich wusste, wie wichtig das ist.»

Von der Dolmetscherin zur Vermittlerin
So fing Ashti 2002 beim Dolmetschdienst der Caritas Luzern an und absolvierte den Grundkurs zur interkulturellen Dolmetscherin. Seither hat sie sich intensiv weitergebildet, drei Interpret-Zertifikate sowie vor drei Jahren den eidgenössischen Fachausweis fürs interkulturelle Dolmetschen und Vermitteln erlangt. «Das Schicksal meinte es gut mit mir. Ich bin so froh und dankbar, dass wir nach Luzern gekommen sind und ich jetzt diesen Beruf ausüben darf», sagt sie stolz. Ihre Arbeit bereite ihr viel Freude, weil sie unterstützen und Verständnis schaffen könne. Aber gerade im Bildungsbereich gibt es noch viel Potenzial, wie sie anmerkt: «Chancengerechtigkeit gibt es noch viel zu wenig. Es ist wichtig, dass wir vermehrt darüber sprechen.»

Äusserst wertvolle Arbeit
Dies kann Nicole Wagner bestätigen. Die Fachmitarbeiterin von Fabia, Kompetenzzentrum Migration in Luzern, erklärt, dass interkulturelle Vermittelnde helfen, Schritt für Schritt eine Chancengerechtigkeit in der Bildung herzustellen. «Das Berufsbild der interkulturellen Vermittelnden gibt es seit ungefähr zehn Jahren und hat sich mittlerweile etabliert», sagt Nicole Wagner. Fabia koordiniert die interkulturellen Vermittelnden des Kantons Luzern. Dies alleine sind schon 84 Personen. Hinzu kommt der Dolmetschdienst der Caritas Luzern, der interkulturelle Dolmetschende und Vermittelnde in rund 50 Sprachen und für alle Lebensbereiche vermittelt. Nicole Wagner bezeichnet die Arbeit der interkulturellen Vermittelnden als äusserst wertvoll: «Es ist nicht nur eine Entlastung für die Migrationsbevölkerung, sondern auch für die Fachpersonen. Nur so können wir gemeinsam Barrieren überwinden.»

Führungen für Fremdsprachige an der Zebi
Auch die Zebi hilft, Brücken zu schlagen und Verständnis zu schaffen –  zum Beispiel mit den Führungen für Fremdsprachige. Auch Ashti hat schon interessierte Eltern durch die Zebi geführt und ist voll des
Lobes: «Es ist eine sehr gute Gelegenheit, um einerseits die Berufe näher kennenzulernen und anderseits um direkt Fragen zu stellen. Nur so können Unklarheiten beseitigt werden.» Zudem zeige die Zebi die Vielfalt unserer Bildungslandschaft auf, was gerade für Migrantinnen und Migranten sehr wichtig sei, ergänzt Ashti. Und dann hat sie noch einen Tipp für die Jugendlichen: «Man muss sich hohe Ziele setzen, aber sie sollen realistisch sein.»

Mein Weg

Fachfrau für interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln

Weiterbildungen zur Dolmetscherin

Grundkurs zur interkulturellen Dolmetscherin

Grundkurs Deutsch

Ausbildung zur Schneiderin (Iran)

Ausbildung in Pädagogik und Didaktik (Iran)

Berufliche Integration

FABIA Kompetenzzentrum Migration ist ein politisch und konfessionell unabhängiger Verein, der sich für die Integration von Migrant*innen engagiert. Die Förderung des Zusammenlebens von Einheimischen und Zugewanderten steht im Zentrum unserer Arbeit.

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