Mut, über den eigenen Schatten zu springen

Vroni Stadler arbeitet nach ihrer Familienzeit seit fünf Jahren Teilzeit bei der Spitex Nidwalden. Ihr Wiedereinstieg ins Berufsleben war für sie eine Herausforderung – diese anzupacken, hat sich gelohnt.

31.10.2020, Text: Irene Reis / Bild: Xund

Vroni Stadler ist seit ihrem Wiedereinstieg ins Berufsleben vor fünf Jahren bei der Spitex Nidwalden tätig.

 

Es ist 17 Uhr. Nach der Vorbereitung im Stützpunkt fährt Vroni Stadler mit dem Spitex-Auto zum ersten Einsatz des Abends. Wunden versorgen, Infusionen richten, Blutdruck überprüfen oder Klienten bei der Abendpflege unterstützen – rund zehn Einsätze warten heute auf sie. Die 53-jährige Oberdorferin arbeitet seit fünf Jahren in einem 30-Prozent-Pensum im Abenddienst bei der Spitex Nidwalden. Davor war sie während zwölf Jahren 100 Prozent Hausfrau und Mutter. Doch von vorne.

Berufung Kinderkrankenschwester – und Mutter
Vroni Stadler liess sich zur Kinderkrankenschwester, heute genannt Pflegefachfrau Schwerpunkt Kinder, ausbilden und arbeitete mehrere Jahre im Kantonsspital Nidwalden in der Gynäkologie und Geburtshilfe. Als ihre beiden Töchter zur Welt kamen, reduzierte Vroni Stadler das Pensum. Später stieg sie für die Kinder und den Haushalt ganz aus dem Beruf aus. Daneben gab sie Muki-Turnen, Yogastunden, war Tagesmutter ihres Neffen und betreute zusammen mit der Spitex ihre Mutter. Vroni Stadler schätzte ihre Aufgaben: «Mein Alltag war ausgefüllt und sehr erfüllend.»

Die Entscheidung war ein Prozess
Als ihre Töchter älter und selbstständiger wurden, häuften sich die Gedanken zu einem Wiedereinstieg ins Berufsleben. Gerne wäre sie auf ihren gelernten Beruf und die bekannte Umgebung im Spital zurückgekehrt – doch das geforderte Mindestpensum war ihr zu viel. Ein passendes Pensum und explizit eine Stelle für Wiedereinsteigerinnen bot dagegen die Spitex Nidwalden: «Ich habe viele Inserate gesammelt, aber lange gezögert», blickt sie zurück. Würde sie sich an die ihr noch fremden Krankheitsbilder gewöhnen? Würde sie die Teamarbeit, wie sie es aus dem Spital kannte, zu sehr vermissen? Es kam der Tag, an dem sie über ihren Schatten sprang und den Telefonhörer in die Hand nahm.

Besonders bei der Gesundheit
Der Weg von Vroni Stadler sei ein Paradebeispiel, erklärt Helga Hotz, Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin beim BIZ (Beratungs- und Informationszentrum für Bildung und Beruf) Luzern. «In der Gesundheitsbranche gibt es sehr viele Wiedereinstiege», so die Expertin. Einerseits, weil dort viel Personal benötigt werde und es auch viel ehemaliges gelerntes Personal gebe. Anderseits, weil man während der Familienzeit viele soziale Kompetenzen erwerbe, die in dieser Branche zentral seien.Auch die Zweifel und Bedenken der Wiedereinsteigerinnen kennt Helga Hotz. Und sie macht Mut: «Es ist enorm wichtig, sich seiner Kompetenzen bewusst zu sein und sich selbst realistisch  einzuschätzen.» Wie Vroni Stadler seien viele Frauen zudem ehrenamtlich engagiert. «Diese Aufgaben haben einen enorm grossen Wert und sollen bei einer Bewerbung unbedingt vorgewiesen werden», so Helga Hotz.

Mut zum Wiedereinstieg
Vroni Stadler ging diesen Schritt und wurde Spitex-Mitarbeiterin. Sie erinnert sich gut: «Ich bin ins kalte Wasser gesprungen.» Das Unbekannte war für sie eine grosse Herausforderung. Doch sie ist drangeblieben – und bemerkte allmählich, dass viel von ihrem Wissen noch da ist und ihr die Lebenserfahrung sehr zugute kommt. Auch erhielt sie sehr viel Unterstützung von der Pflegedienstleiterin und im Austausch mit ihren Teamkolleginnen. Auch wenn der Alltag immer mal wieder eine persönliche Hürde bereithält, sagt Vroni Stadler: «Ich bin stolz, dass ich diesen Weg geschafft habe. Und wieder in der Pflege arbeiten zu können, macht mir sehr grosse Freude.»

Den Weg ebnen
Vor drei Jahren lancierte die Spitex Nidwalden den Kurs für Wiedereinsteigerinnen. In diesem wird nicht nur das Wissen der Teilnehmenden auf den aktuellen Stand gebracht, sondern auch deren Selbstbewusstsein gestärkt und die Vereinbarkeit von Wiedereinstieg und Familienleben thematisiert. Vroni Stadler besuchte den Kurs nachträglich: «Den hätte ich gerne früher absolviert», sagt sie mit einem Schmunzeln. Inzwischen kann sie neue Mitarbeitende einarbeiten – und schon dort auf solche Themen eingehen. «Es ist ein gutes Gefühl, andere auf ihrem Weg zu unterstützen.»

Für den Wiedereinstieg
Der Spitex-Kurs ist kein Einzelfall. Xund (Bildung Gesundheit Zentralschweiz) hat etwa die Plattform wiedereinsteigen.ch ins Leben gerufen mit dem Ziel, potentielle Wiedereinsteigerinnen zur Rückkehr in ihren Beruf zu motivieren und dabei zu unterstützen. Darüber hinaus bieten weitere Branchen oder Unternehmen Programme, die einen Wiedereinstieg fördern – auch am BIZ gibt es dafür branchenübergreifende Workshops. Beraterin Helga Hotz: «Ein erster Schritt sollte immer sein, sich mit seinen eigenen Bedürfnissen, den Rahmenbedingungen und Stärken auseinanderzusetzen sowie bestehende Aufgaben gemeinsam mit der Familie zu regeln.» Eine Laufbahnberatung im BIZ biete die Möglichkeit, gemeinsam mit einer Fachperson den Wiedereinstieg gemäss der persönlichen Situation und den eigenen Interessen und Fähigkeiten zu planen. Spezifische Online-Berufs-Datenbanken wie mama-jobs.ch oder ähnliche können helfen, eine passende Stelle zu finden. Zudem rät die Expertin, bereits in der Familienpause durch private Kontakte oder soziale Netzwerke den Kontakt zu ehemaligen Arbeitskolleginnen und -kollegen aufrechtzuerhalten. Heute liege der Trend aber sowieso darin, in einem Teilzeitpensum weiterzuarbeiten, bestätigt Helga Hotz. «Vier von fünf Frauen bleiben im Arbeitsmarkt.»

Feierabend
Für Vroni Stadler war ihr Weg der richtige. «Es hat für mich damals gestimmt, ganz für die Familie da zu sein. Ich kann mir nichts anderes vorstellen.» So wie heute: Es ist nach 23 Uhr. Der Abendeinsatz von Vroni Stadler ist beendet und sie macht sich mit dem Spitex-Auto von ihrer letzten Station zurück zum Stützpunkt, wo sie bereits den Einsatz vom nächsten Tag vorbereitet.

Mein Weg

Kurs für Wiedereinstieg in die Pflege der Spitex Nidwalden

Hausfrau und Mutter

Kinderkrankenschwester

Vroni Stadlers Wiedereinstieg

TIPP

«Es ist enorm wichtig, sich seiner Kompetenzen bewusst zu sein».

Helga Hotz, Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin beim BIZ Luzern

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