Die zweite Chance zum Traumberuf

Mogos Tekleab hat ein grosses Ziel: Schreiner werden. Die Flucht aus seiner Heimat Eritrea setzte diesem Traum ein jähes Ende – vorläufig. Vier Jahre später erhielt er in Zug dank der Integrations-Vorlehre eine zweite Chance. Und steht jetzt am Anfang seiner Ausbildung zum Schreinerpraktiker.

Mogos Tekleab ist Lernender Schreinerpraktiker und damit auf dem Weg zu seinem Traumberuf.

 

Holz- und Lackgeruch, Fräs- und Sägegeräusche, edle Holzoberflächen und emsiges Arbeiten prägen die Atmosphäre in der Werkstatt der Stuber Team AG in Rotkreuz. Einer der 23 Produktionsmitarbeitenden und neun Lernenden ist Mogos Tekleab, 24 Jahre, Eritreer und Lernender Schreinerpraktiker im ersten Lehrjahr. «Grüezi», sagt er freundlich und mit einer ruhigen Art. Ebenso ruhig und routiniert präsentiert er im anschliessenden Rundgang Arbeitsabläufe, Maschinen, Werkzeuge – als ob er diese nicht erst seit einem Jahr kennen würde.

Die Leidenschaft und die Freude an der Arbeit sind spürbar. «Schreiner war schon immer mein Traumberuf. Ich arbeite gerne mit Holz. Und ich arbeite gerne mit grossen Maschinen. Auch mein Bruder ist Schreiner. Und wie er habe ich in Eritrea angefangen, Schreiner zu lernen», blickt Mogos zurück. Doch es kam anders: Vor vier Jahren erreichte er die Schweiz, nachdem er aus Eritrea geflüchtet war. Seine Mutter und Grossmutter sowie vier Geschwister blieben in Eritrea, eine Schwester lebt in Italien. In der Schweiz konnte Mogos die ersten zwei Jahre nicht arbeiten – ihm fehlte die Bewilligung. Danach besuchte er bei «ProArbeit Zug» einen Intensiv-Deutschunterricht, im Anschluss das Integrations-Brückenangebot für Erwachsene (I-B-A-20+). Bernadette Ammann war dort Mogos' Coach und bemerkte seine Leidenschaft für den Schreinerberuf.


«Mogos sagte zu uns, das sei der schönste Tag in seinem Leben.»

Simone Stuber


Die zweite Chance gepackt
Simone Stuber, Mitglied der Geschäftsleitung, erläutert, wie es danach zur Anstellung gekommen ist: «Vor etwas über einem Jahr kam die Anfrage von Bernadette Ammann. Sie hätten da einen jungen Mann, der in unser Team passen würde.» Das Stuber Team ist beim Kanton dafür bekannt, dass es sich stark für Ausbildung einsetzt. Ebenfalls ist Integration bei der Firma kein Fremdwort. Bereits vor Jahren stellte das Rotkreuzer Familienunternehmen einen Gastarbeiter aus Italien ein, der mittlerweile «zur Familie gehört».

So kam es zu einem persönlichen Treffen zwischen Stubers und Mogos sowie zur zweiwöchigen Schnupperlehre. Normalerweise wird eine Woche geschnuppert. «Wir wollten sowohl Mogos als auch uns wegen der Sprachbarriere und des ihm ungewohnten Schweizer Arbeitsumfelds etwas mehr Zeit geben», so Simone Stuber. Das hat sich bewährt. Mogos überzeugte das Stuber Team mit seiner korrekten, freundlichen, exakten und zielstrebigen Art. So startete der junge Eritreer die Intergrations-Vorlehre INVOL (siehe Kasten). Ganz zur Freude von Mogos: «Das ist meine zweite Chance.» Und Simone Stuber erinnert sich an den Tag, als sie die Zusammenarbeit besiegelten. «Mogos sagte zu uns, das sei der schönste Tag in seinem Leben.»
 

«Erst, wenn ich perfekt bin»
Die Motivation blieb: Bereits während der einjährigen Integrations-Vorlehre zeigte Mogos, der in Hünenberg mit weiteren Eritreern in einer Wohngemeinschaft lebt, im Betrieb grössten Willen und Einsatz. «Er ist enorm pflichtbewusst, da könnten sich viele Jugendliche eine Scheibe abschneiden.» Allerdings musste er wegen der Fremdsprache und Nachholbedarf in Mathematik immer etwas mehr leisten als andere. Auch waren ihm einige Umgangsformen unbekannt: etwa, dass es keine Schwäche ist, Fragen zu stellen. «Er lernte enorm schnell dazu», berichtet Simone Stuber erfreut.
Die Ausbildung zum Schreinerpraktiker EBA war die logische Folge. Simone Stuber sagt sogar: «Mit seinem Ehrgeiz und dem Gelernten wird Mogos sicherlich auch den Schreiner EFZ noch abschliessen.» Mogos Tekleab relativiert pflichtbewusst: «Erst, wenn ich perfekt Deutsch kann und meine Arbeit perfekt mache.» Dieses ehrgeizige Ziel möchte er natürlich nirgendwo sonst als beim Stuber Team erreichen. Auch der Arbeitgeber sieht in Mogos eine Bereicherung. «Mogos ist eine vollwertige Arbeitskraft und nicht aus dem Team wegzudenken. Ausserdem bringt er eine kulturelle Diversität ins Team. Und die anderen Lernenden können vom integrativen Aspekt profitieren», erklärt Simone Stuber.


Text: Irene Reis / Bild: Christoph Arnet

Mein Weg

1. Lehrjahr Schreinerpraktiker EBA

Integrations-Vorlehre

Integrations-Brückenangebot für Erwachsene
(I-B-A-20+)

Intensiv-Deutschkurs

Die Integrationsvorlehre

Die INVOL ist der Berufslehre vorgelagert und dauert ein Jahr. Sie umfasst zwei Schultage pro Woche und drei Tage Praktikum im Lehrbetrieb. Der Unterricht beinhaltet Deutsch als Zweitsprache, Allgemeinbildung, Mathematik, Arbeitsmethodik/Informatik sowie berufsbezogene Aspekte. Der INVOL-Vertrag, analog zu einem Lehrvertrag, wird mit einem branchenspezifischen Ausbildungsprogramm ergänzt, in welchem die praktischen Kompetenzziele umschrieben sind. Ziel ist, dass im Anschluss an die INVOL eine berufliche Grundbildung mit EBA oder EFZ im gleichen Lehrbetrieb absolviert werden kann. Quelle: Kanton Zug

Mogos’ zweite Leidenschaft

Nebst dem Schreinerberuf hat Mogos Tekleab eine zweite Leidenschaft: das Haareschneiden. Zwar hätte er sich auch eine Lehre als Coiffeur vorstellen können, «aber das Schreinern gefällt mir noch ein bisschen mehr», sagt er. Trotzdem arbeitet er nebenbei in seiner Freizeit in einem eritreischen Coiffeursalon in Zug.

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